Wehre und Mühlgräben

Zu den Wassermühlen gehören mehr oder weniger umfangreiche WasserregulierungsAnlagen, um die Wasserkraft voll nutzen zu können. Der Betrieb der Wassermühle ist von einer kontinuierlichen Zuführung des  Wassers abhängig, die Wasserzuführung muß also reguliert werden. Eine solche Wasserregulierungsanlage besteht aus dem Wehr, das den Fluß anstaut, dem abzweigenden Mühlgraben, der das Wasser dem Mühlrad zuführt, den Schleusen mit den Staubrettern (Schützen), die den Wasserzufluß im Mühlgraben regeln und dem Ablaufgraben, der das Wasser „nach getaner Arbeit“ wieder zum Fluß zurückführt. Staubrettanlagen befinden sich beim Abfluß des Mühlgrabens am Wehr, am Ende des Mühlgrabens an der Mühle vor dem Wasserrad und manchmal auch, bei längeren Mühlgräben, an bestimmten Stellen ihres Verlaufs. 


So war z.B. der Sandmühlgraben in Bernstadt am Ende der Töpfergasse mit einem Schützen  versehen, der  hier den Ablauf des Wassers in die Pließnitz beim Promenadensteg ermöglichte. Normalerweise befindet sich am Wehr ein zweites Staubrett zur Regulierung des Wasserstandes im Stauwehr. Eine solche Doppelschleuse ist noch am Kirchwehr und am Mittelwehr am Friedrichstein gut erhalten und funktionstüchtig. Die Menschen haben frühzeitig erkannt, daß das sogenannte oberschlächtige Wasserrad am wirksamsten ist, weil das von oben auf die Radschaufeln treffende Wasser länger auf den Umlauf des Rades wirken kann. Alle hier beschriebenen Mühlen waren mit einem solchen oberschlächtigen Mühlrad ausgerüstet. Die Länge der Mühlgräben ist unterschiedlich und richtet sich nach der Entfernung der Mühle von der günstigsten Stelle für die Stauanlage, die vom Geländeprofil abhängig ist:

Vom Ansorgewehr beim Kretschmerschen Gut zur Obermühle ca. 600 m,
vom Mittelmühlwehr zur Mittelmühle ca.350 m,
vom Bornmühlwehr (Schüllerwehr, Konsumwehr) zur Bornmühle ca. 450 m,
vom Kirchwehr zur Sandmühle ca.650 m,
vom Wehr Rote Mühle (Englerwehr) zur Roten Mühle ca. 500 m.

So zieht sich das System der Mühlgräben fast ohne Unterbrechung, wie ein zweiter Flußlauf neben der Pließnitz, durch das Tal. Dieser Verlauf der Mühlgräben ist kaum noch sichtbar, sie wurden - nachdem sie keine Rolle mehr spielten und die Mühlen ihre Produktion eingestellt hatten oder elektrifiziert wurden - teilweise verrohrt und bebaut oder zugeschüttet und sind verwachsen.
Nur an wenigen Stellen liegen sie noch offen und führen ein kleines Rinnsal Wasser. Irgendwann werden sie ganz verschwunden sein. Verfolgen wir deshalb ihren Verlauf:

Obermühlgraben: Vom Kräpplwehr entlang des Heidebergweges bis zur Herrnhuter Straße, dann hinter den Häusern und am Waldrand entlang bis zu Obermühle;

Mittelmühlgraben: Vom Friedrichsteinwehr dicht unterhalb der Herrnhuter Straße bis Haus Nr., nach Durchquerung der Straße am Waldrand zur Mittelmühle;

Bornmühlgraben: Vom  Bornmühlenwehr gegenüber der Mittelmühle Unterquerung des Fahrwegs „Am Pließnitztal“ und hinter den Grundstücken 14, 13 und 10 zum Viebig, weiter hinter dem Seidelschen Gut und Haus Nr. 6 dicht am Fahrweg (bebaut mit Garage), weiter hinter Grundstück Nr. 5 am Hang entlang und hinter der Sporthalle zur Bonmühle;

Sandmühlgraben: Vom Kirchwehr hinter Zittauer Straße 6 und Unterquerung der Straße, dann entlang „Am  Graben“ und Friedensring (heute Fußgängerweg) zur Töpfergasse, von hier zur Görlitzer Straße, zwischen Häusern 14 und 16 und gegenüber 17 und 19 hindurch, dann im scharfen Winkel zur Ernst-Thälmann-Straße und hinter den Grundstücken Görlitzer Straße 29 bis 37, 43 bis 51 zur Sandmühle

Graben zu Roten Mühle: Der vom Rote Mühle Wehr (Englerwehr) abgehende Mühlgraben der Roten Mühle wurde in einem hölzernen Trog über den hier einmündenden Kemnitzbach geleitet und unterquerte dann die Reichenbacher Straße und führte dann im weiten Bogen am ehem. Kindergarten (Festwiese) vorbei zur  Dorfstraße und von da scharf nach links zur Roten Mühle.

 

Trog über dem Kemnitzbach

 

Die Mühlgräben dienten in vergangener Zeit nicht nur zum Antrieb der Mühlräder, sondern auch den Bernstädter Tuchmachern zum Spülen der Rohwolle. Es war der zweite Arbeitsgang nach dem Waschen der Wolle. Sie wurde gereinigt und dann in großen Körben zu den Mühlgräben der Sand- und Bornmühle gefahren, um gründlich gespült zu werden. Sicher mußten die Tuchmacher für die Nutzung des Wassers dem Kloster ein Entgeld zahlen, denn auch die Mühlgräben gehörten bis zur Übereignung an die Mühlenbesitzer im 19.Jahrhundert zu den herrschaftlichen Gewässern.
Auch die Mühlenbesitzer selbst wachten noch am Ausgang (in der Tuchmacherzeit) streng über die Nutzung ihrer Gräben und Sicherung eines gleichmäßigen Wasserzulaufs zur Mühle. 1862 äußerte sich der Sandmüller im „Sächsischen  Postillion“ vom 2. August: „Warnung!  Das Anstauen des Wassers und Ausspülen der Ufer in meinem durch Bernstadt fließenden Mühlgraben durch Einsetzen der Körbe beim Waschen der Wolle wie Einschlagen oder Einhängen anderer Gegenstände wird hiermit untersagt, widrigenfalls ich es zur Anzeige bringe. Altbernsdorf, C. Fr. Schönfelder, Mühlenbesitzer.“


Und in der gleichen Zeitung kommt am 4. September der Bornmüller zu Wort:  „Alle an meinem Mühlgraben ohne meine besondere Zustimmung verursachten Verletzungen oder Veränderungen des Ufers oder auch alle Anstauungen des Wassers werden hiermit strengstens untersagt, ebenso auch das Fischen aller Art. Ich werde solche, welche dagegen handeln, gerichtlich belangen.  August Schönfelder, Kunnersdorf.“ Noch 1870 führen einige Bernstädter Tuchmacher Beschwerde gegen den Sandmühlenbesitzer Schönfelder,  daß er die Schöppe (Wasserschöpfe) auf  der Neustadt, “da wo der Mühlgraben in die Pließnitz einmündet und wo seit länger als 50 Jahren ihre  Wolle gewaschen und gespült haben“, habe beseitigen lassen und bittet  den Stadtrat, er möge Herrn Schönfelder veranlassen, die Schöpfe wieder herzustellen. Sie zeigen auch an, daß der Sandmüller auch die Schöpfe im Mühlgraben am Friedensring (Ringstraße) habe beseitigen lassen.  Ob die Beschwerde Erfolg hatte, bleibt zu bezweifeln. - Was das Fischen anbelangt, so hielt es die Klosterherrschaft seit jeher streng. In „Gebothe und Verbothe der Gnädigen Herrschaft an dero Unterthanen des Eigenschen Kreises bey gehaltenen Gedinge“ heißt es: „Es soll kein Müller die Mühlgräben oft und viel ohne Vorbewußt der Herrschaft oder deren Beamten... abschlagen, die Fische ausplündern und behalten..., dieses soll bei Strafen abgeschaffet und verboten seyn...“, und weiter steht, daß, wenn ein Mühlgraben aus „Noth und Mangel abgelassen werden muß“, der Müller beim Herrschaftsbedienten in der Bornmühle angeben  muß, „der darüber seyn soll, was an Fischen gefangen wird, „soll  der Herrschaft gelassen werden“.  Anderseits hatte auch die klösterliche Herrschaft bestimmte Verpflichtungen hinsichtlich der Mühlgräben  übernommen, über deren Einhaltung die Gemeinde wachte. In den öffentlichen Gedingstagen (Gerichtstage, Rügengerichte) riefen der Klostervertreter und die Untertanen ihre gegenseitigen Rechte einander ins Gedächtnis und klagten Versäumnisse der Herrschaft ein, sie „rügten“.

 

So heißt es 1683:
„Es rügt die Gemeinde, daß die Herrschaft drey Brücken über den Mühlgraben zu halten schuldig..., eine in der Zittauischen Gasse, die andre vorm Görlitzer Thor, die dritte in der neuen Töpfergasse, alle über den Mühlgraben...“ Das waren kleine Holzbrücken über den offenliegenden Gräben, die zu unterhalten das Kloster  wohl säumig war, dort, wo der Sandmühlgraben die Zittauer Straße, Adolf-Klose-Straße (damals Neue Töpfergasse) und die Görlitzer Straße kreuzte. Übrigens ist diese Notiz „Vor dem Görlitzer Thor“ der Beweis dafür, daß das östliche Bernstädter Stadttor, das Görlitzer oder Wassertor, nicht wie so oft angenommen am Pließnitzübergang bei der Neustadt, sondern in der oberen Görlitzer Straße stand.

 

Die Schleusenanlage am Kirchwehr mit den beiden Schützen zur Wasserregulierung des Mühlgrabens und des Wehres. Rechts geht der durch Bernstadt führende Mühlgraben ab.

 

Der zur Pließnitz zurückführende Abzugsgraben der Sandmühle hinter den Häusern Sandmühlplatz 1 bis 4.

 

Schleuse und Schützen am Wehr bei der Mittelmühle zur Regulierung des Wasserstandes im Wehr. Der Mühlgraben ging schon vorher vom Wehr ab.

 

Das Mittelmühlwehr mit den beiden Schützen vor dem Umbau 2010.