Die Mittelmühle in Kunnersdorf

Die Darstellung der Mittelmühle, Herrnhuter Straße 22 muß hinsichtlich ihres Alters ebenfalls mit einem Fragezeichen beginnen. Wie im Teil 1 erwähnt, ist im Mariensterner Zinsregister von 1380 nur eine Kunnersdorfer Mühle ohne nähere Bezeichnung angegeben. Das kann jede der drei ehemaligen Mühlen gewesen sein. Erst im Kirchbuch 1638 wird ein Melchior Teichmann als Besitzer der Mittelmühle genannt und damit ihre Existenz nachgewiesen. Auch sie war - inmitten eines Bauerndorfes gelegen - eine Getreidemühle.  1651 wurde ihr eine Tuchwalke angeschlossen, die Mittelmühle war nun auch „herrschaftliche Tuchwalke“ und von da an als Mittelwalke bezeichnet. Wie dringend der Bedarf an Walkkapazität bei den Bernstädter Tuchmachern war, zeigt sich darin, daß schon damals die Mittelwalke nicht ausreichte und ein Vertrag mit dem Erbmüller der Obermühle, Meister Christoph Kummer, zum Anschluß einer Tuchwalke abgeschlossenen wurde. Die Bedeutung der Wassermühlen als Produktionsstätten und des Mühlrades als Antriebs“maschine“ wird hier wieder deutlich. Daß beide Werke der Mittelmühle, Mahlmühle und Tuchwalke, nebeneinander bestanden, belegt das Handwerksbuch der Müller, in dem die Namen von Mittelmüllern durchgehend von 1708 bis 1850 verzeichnet sind. Mittelmüller waren:
 

Melchior Teichmann (1638), Georg Hanspach (1648), Michael Ay (1653), Hans Christoph Walter (1672), Hans Christoph Ay (1708), Christian Kummer (1719), Hans Christoph Neumann (1730), Gottfried Piltz (1734, noch 1762), Johann Christoph Großer (1796), Gottlieb Reichelt (1810, noch 1824), Gottlieb Schuberth (1826, noch 1840).  Gottlieb Schuberth wird 1829 Nebenältester neben dem Oberältesten Johann Carl Gottfried Schönfelder, (Pächter der Bornmühle). Wir sehen an dieser Aufstellung, daß die meisten Pächter die Mühle nur kurze Zeit besaßen und dann, welche Gründe auch immer, eine andere Mühle übernahmen oder ausschieden, einige aber blieben längere Zeit, z.B. Meister Piltz fast 30 Jahre. 1813, als im Befreiungskrieg gegen Napoleon auch im Eigenschen Kreis französische, preußische und russische Truppen durchzogen, biwakten oder Quartier nahmen, wurde die Mittelmühle unter der Herrschaft der Äbtissin Vincentia Marschner  „wieder hergestellt“. Wahrscheinlich war eine umfassende Restaurierung - nachdem die Mühle schon 1784  neu erbaut worden war - notwendig geworden und die Erneuerung ein bedeutsames Bauvorhaben, sonst wäre  die Erinnerung daran wohl kaum in einer so kunstvollen Kartusche über der Tür des Mühlenwohnhauses erhalten worden.

Der lateinische Text dieser „ Gedenktafel“ lautet übersetzt: 
"Unter der Herrschaft der Äbtissin Vincentia Marschner von Marienstern und des Hochwüedigsten Herrn Probstes Valentin Wilhelm ist die Wiederherstellung ihres Hauses glücklich durchgeführt worden, während die Waffen lärmten im Jahre des Herrn 1813.“


1818 wird eine der  Mahlmühle angeschlossene Raspelmühle oder Farbholzschneidemühle genannt. Auch  sie diente den Tuchmachern, indem sie farbige Hölzer zerkleinerte und den Tuchmachern damit Material zum Färben der Wolle lieferte. 1825 trat abermals ein Besitzerwechsel ein: Das Kloster gab zwischen 1823 und 1825 die Mühle mit Walke der Tuchmacherinnung gegen 3000 Reichstaler in Erbpacht. Mühle und Tuchwalke wurden jetzt im Brandkataster getrennt geführt, denn die Innung „vererbpachtete“  1826 die Mahlmühle weiter  an Christian August Hanspach aus Altbernsdorf. Im Pachtkontrakt heißt es im Stil der Zeit:  „... die genannte  Mahlmühle bestehend aus zwey Mahlgängen, ingleichen mit der Hälfte des waßers und dessen treibender Kraft, des Wehres, der Mühlgraben und Schleußen ... mit dem vom Müllermeister Reichel hinzuerkauften Subinventario und endlich mit allem Dem, was nicht Erd-, Wand-, Band-, Nieth-, Nagel-, Winth-, Mauer-,  Lehm-, Stein-, und Wurzelfest  ist ... unter ausdrücklichen Vorbehalte des Ihro Hochwürden und Gnaden der Frau Abbtißin zustehenden oberherrlichen Eigenthums an Christian August Hanspachen in Altbernsdorf, dermals Müllerlehrling in Oberkiesdorf...“

 

Da Hanspach noch nicht volljährig war, ging die Pacht vorerst an  seinen Stiefvater, Meister Karl Gottfried Schuberth als Vormund. Nach Schubert, unter dem die Mühle in Konkurs ging, wechselte bis 1875 noch mehrmals der Besitzer. So verkaufte 1859 der Mühlenbesitzer Karl Friedrich Engler die Mahlmühle für 6400 Taler an die Bernstädter Bäckermeister Karl Friedrich Clemens,
Karl Gustav Matthias und Johann Karl Gottlieb Fritsche. In dieser Zeit soll es mitunter Auseinandersetzungen zwischen den Bäckern und den Müllern gegeben haben, wenn wegen Wasserknappheit nicht genügend Mehl gemahlen werden konnte.

 

Das Mühlengebäude der Mittelmühle in einer Zeichnung aus dem 19.Jahrhundert. Die Schleusenanlage ist noch heute hinter dem Feuerwehrgerätehaus erhalten geblieben und wurde von Mitgliedern der Ortsfeuerwehr restauriert.

 

Mit der ersten Wollspinnerei des Belgiers Derouvoux am Kemnitzbach (Franzosenmühle) 1836 begann der Niedergang des Bernstädter Tuchmachergewerbes und als der Zittauer Unternehmer Michaelsen 1857 seine Kattunfabrik an der Pließnitz - dort, wo heute die Sporthalle steht - gründete, war das Ende des Tuchmacherhandwerks vorauszusehen. So wurden auch die Walkmühlen überflüssig. 1866 stellte die Walke der Mittelmühle den Betrieb ein. 1875 verkaufte die Tuchmacherinnung, die ja Verpächter war, die Mittelmühle an den Mühlenmeister Herrmann.

Ihm folgte als letzter Müllermeister Hermann Heinrich - die Mittelmühle war nun unter den Leuten die „Heinrichmühle“. Heinrich begründete 1899 im neu errichteten Anbau an der Mühle (heutiges Feuerwehrgerätehaus) ein Elektrizitätswerk zur Versorgung von Teilen Bernstadts, einiger Privathaushalte und später der Fa. Ansorge. Dieses kleine Kraftwerk existierte bis 1912. Heinrich vermietete 1900 den großen Saal  über dem Elektrizitätswerk und einen Teil der Wasserkraft an den Fabrikanten Ferdinand Horn zur Aufstellung von Webstühlen. Das Wasserrad der Mittelmühle diente nun dem Antrieb von Elektroaggregaten und Textilmaschinen - die Geschichte der klösterlichen Getreidemühle, die Mittelmühle, hat damit ihren Abschluß gefunden.

 

Die ehemalige Mittelmühle heute: Rechts das 2001 errichtete Feuerwehrgerätehaus, dahinter das frühere Mühlenwohnhaus mit Scheune.

 

Im genannten Mühlenanbau war nach der Fa. Horn die Fa. Glathe & Sohn etabliert, ebenfalls als Textilbetrieb. Auch eine Spinnerei Appelt soll die Räume genutzt haben. 1925 kaufte die Fa. Gebr. Ansorge das Grundstück und richtete hier einen Teilbetrieb ihrer 1901 begründeten Fabrik ein. Bis 1985 betrieb die Firma eine Reißerei, und nach mehrmaligem Besitzerwechsel und Umbauten befindet sich seit 2001 an der Stelle der ursprünglichen Mühle das Gerätehaus der Ortsfeuerwehr Bernstadt.