Zur Entstehung der Wassermühlen an der Pließnitz

Hinsichtlich der Zeit, in der die ersten Wassermühlen in unserem Pließnitzbereich errichtet wurden, können wir uns auf verschiedene Quellen stützen. Ein erster Nachweis ergibt sich aus der Landverteilung in der Zeit der frühdeutschen Besiedlung um 1200. Die siedelnden Bauernfamilien erhielten jeweils einen Streifen Land vom Flusse aus bis zur festgelegten Grenze der Dorfflur zur Urbarmachung. Diese „Hufe“ war so groß, daß sie die Siedlerfamilie ernähren konnte, im Durchschnitt 20 Hektar. Der zum Dorfrichter, zum Schulzen bestimmte Siedelmann (das war oft der Locator, der die Bauern hergeführt hatte, selbst) erheilt zwei oder mehr Hufen, auf denen der Dorfkretscham entstand, und dazu bestimmte Privilegien, z.B. Braurecht, die Schankgerechtigkeit oder auch die Mühlgerechtigkeit.


Einen zweiten Nachweis enthält die Schönauer Chronik „Welke und grüne Blätter“. Wir lesen, dass die Herren von Kamenz, Besitzer von Schönau, dem 1248 gegründeten Kloster St. Marienstern im selben Jahr 18 Hufen und zwei Mühlen schenkten. Daraus ergibt sich, daß die ersten Vorläufer unserer Wassermühlen bereits im Prozeß der Dorfanlage und der Bebauung der Hufen als wichtige Produktionsstätten für die Ernährung der Siedler gebaut worden sind.


Wir können davon ausgehen, daß der Bau von Wassermühlen - das waren wasserbetriebene Getreidemühlen - von dem aus westlichen Altsiedelgebieten eingewanderten Bauern und Handwerkern mitgebracht wurden, da dort solche Mühlen bereits bekannt waren, während die in unserem Gebiet ansässigen Slawen nur die Handdrehmühle kannte, die in den einzelnen Familien bedient wurde. Sie bestand aus zwei durchlöcherten  Mahlsteinen, durch einen hölzernen Stab zusammengehalten. Der obere Stein wurde in kreisende Bewegungen gesetzt. So wissen wir den Zeitraum der Entstehung der ersten Wassermühlen, wenn auch  die genauen Baujahre unbekannt bleiben. Die Anzahl der Mühlen in den einzelnen Dörfern erfahren wir in dem  unter Heimatkundlern geschätzten „Zinsregister des Klosters Marienstern“, das um 1380 angelegt wurde und die damaligen Abgaben der dem Kloster gehörenden Dörfer festlegt. Darin werden für Altbernsdorf 2, für Kunnersdorf 1, für Schönau 4 und weiterhin für Dittersbach 2 und für Kiesdorf 1 Mühle als abgabepflichtig genannt.


Dadurch, daß das Gebiet des heutigen Eigenschen Kreises aus dem Besitz der Herren von Schönburg und derer von Kamenz im Laufe des 13. Jahrhunderts in das Eigentum des Klosters St. Marienstern - durch Verkauf, meistens aber Schenkung - (Kunnersdorf und Neundorf etwas später) überging, wurden damit auch die Mühlen klösterliches Eigentum. Das Kloster verpachtete diese auf Zeit an einzelne Müllermeister, daher finden wir unter den zeitweiligen Besitzern auch die Bezeichnung „Pachtmüller“ oder „Erbpachtmüller“, wenn dem Pächter das Recht eingeräumt war, die Mühle zu verkaufen oder zu vererben, allerdings gegen Zahlung einer Erbpachtsumme und
immer mit Einverständnis des Klosters als Grundeigentümer, das auch das Vorkaufsrecht hatte. Die Mühlen waren, wie das Zinsregister ausweist, dem Kloster anfänglich nur mit Geldzinsen verpflichtet, nicht aber mit Naturalien wie die Bauern.

 

Später erhob die Grundherrschaft auch von den Mühlen neben Geldzinsen auch Naturalabgaben in Form von Korn und Hafer, wie eine Aufstellung der Zinsen um 1600 zeigt. Das war vermutlich dann, wenn zur Mühle landwirtschaftliche Fläche hinzukam, die nun zinspflichtig wurde. Es  überrascht, daß im Zinsregister von 1380 auch für Bernstadt eine Mühle verzeichnet ist. Ihr Standort ist heute nicht mehr nachweisbar. Am Flußlauf der Pließnitz durch Bernstadt lassen sich keine Spuren einer ehemaligen Mühle erkennen. Daß  aber dieser Mühle auch eine Walke zur Reinigung des gewebten Tuches angeschlossen war, beweist der Punkt  12 der von der Äbtissin zu Marienstern den Bernstädter Tuchmachern gegebenen Innungsartikel von 1370, welcher lautet:


 „Wer den Anderen, der Vor ihm in die Möyl kämmt, hindert, sol Vier groschin gebin“
(wer den  anderen, der vor ihm in die Mühle kommt, hindert, soll vier Groschen geben).

 

Der gleiche Punkt ist auch in den Innungsartikeln von 1407 aufgenommen:
 „Wer den andern der Vor ym in die Mole kommt, hindert, der sol Vier groschis gebn“. 

 

Später wird diese Mühle nicht mehr erwähnt. Ist sie einem Brand zum Opfer gefallen und nicht wieder errichtet worden? Wir müssen diese Frage unbeantwortet lassen. Dem Mariensterner Zinsregister verdanken wir es auch, dass für die im 14. Jahrhundert bestehenden Mühlen  deren Besitzer mit Namen der Nachwelt überliefert sind. In Altbernsdorf waren es für die eine Mühle Nickil Eyfeler und Nickil Wise, für die andere Henyl Faber.  Die Bernstädter Mühle besaß Heyno Bohemi.

 

Für die vier Schönauer Mühlen stehen die Namen Tycze Stocker, Tycze Gumbrecht, Nickil Teschmulner, sowie die Kirche. Für Kunnersdorf ist kein Mühlenbesitzer namentlich genannt. In der Chronik von Karl Lange finden wir dann erst Mitte des 16. Jahrhunderts die Namen von Müllern mit ihren Mühlen:

 

Andreas Richter „auff der gemohlten Müll“ zu Altbernsdorf (1557),  Georg Hanspach, Besitzer der „mulen in Schönaw, die Mittel Mule genannt“ (1554) und Leonhardt Hansbach auf der „Niedder Mueln zu Schönaw“ (1554),  diese Mühle ist schon als „nedermol ezu Schonau“ 1483 erstmals verzeichnet.


Für Kunnersdorf sind nach 1630 nun 3 Mühlen genannt. Also müssen zwischen 1400 und 1600 weitere  Mühlen  entstanden sein. Das geht auch aus dem sogenannten Bernstädter Recess von 1684 hervor (ein  Vergleich der Klosterherrschaft mit den Untertanen auf dem Eigen wegen deren Pflichten dem Kloster gegenüber). Hier steht unter Punkt 3 „daß Graß und Grummet Hauen, und andere Handdienste, so von ihnen verlangt werden, auch zu dennen Herrschaftlichen Neuen Müllen zu verrichten schuldig“, und in Punkt 5 heißt es:

 

„Die Baufuhren wie zu anderen Gebäuden, also auch zu dene Müllen, ohne Unterschied den alten und neuen Müllen“. Unklar bleibt aber, welche der drei Kunnersdorfer Mühlen die älteste ist. Bei der Aufzählung der Mühlenbesitzer bei den einzelnen Mühlen, werden wir feststellen, daß die Mühlen meist in kurzen Zeitabständen von einer Hand in die andere gingen, dass Verpachtung, Kauf und Verkauf, Vererbung und wieder Verpachtung einander ablösten. So finden wir den Namen eines Müllermeisters mal bei der einen, mal bei der anderen Mühle. Als Beispiel sei aus der Kunnersdorfer Chronik genannt: Christian Kummer hat 1638 die Bornmühle gepachtet, 1639, 1648 und 1652 die Obermühle, 1676 ist er Kirchmüller in Schönau, ähnlich ist es bei Müllermeister Michael Ay, der im 17. Jahrhundert  innerhalb von 15 Jahren Pachtmüller in allen drei Kunnersdorfer Mühlen war.